Wann ist Schokolade herzgesund? Was die Wissenschaft über Kakao und unser Herz weiß

Schokolade gehört zu den beliebtesten Genussmitteln weltweit. Doch kann sie tatsächlich unser Herz schützen? Neue wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bestimmte Inhaltsstoffe des Kakaos positive Auswirkungen auf die Blutgefäße und den Blutdruck haben können. Entscheidend sind allerdings die Qualität, der Kakaogehalt und vor allem die verzehrte Menge.
Warum kann Schokolade gut für unser Herz sein?
Die gesundheitsfördernden Eigenschaften von Schokolade beruhen hauptsächlich auf den sogenannten Kakaoflavanolen. Dabei handelt es sich um sekundäre Pflanzenstoffe aus der Gruppe der Polyphenole, zu denen insbesondere Epicatechin gehört.
Diese Substanzen beeinflussen die Funktion der innersten Zellschicht unserer Blutgefäße, des sogenannten Endothels.
Ein gesundes Endothel spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulation der Gefäßweite, des Blutdrucks und der Durchblutung.
Kakaoflavanole können die Bildung von Stickstoffmonoxid (NO) fördern. Dieser körpereigene Botenstoff bewirkt eine Entspannung der glatten Gefäßmuskulatur und damit eine Erweiterung der Blutgefäße.
Dadurch können sich die Gefäßfunktion verbessern und der arterielle Blutdruck geringfügig verringern.
Bereits 2012 bestätigte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), dass die tägliche Aufnahme von 200 mg Kakaoflavanolen zur Aufrechterhaltung einer normalen endothelabhängigen Gefäßerweiterung beitragen kann. (EFSA)
Neue Metaanalyse von September 2026: Kakao senkt den Blutdruck
Eine im September 2026 veröffentlichte Metaanalyse liefert neue Erkenntnisse zu den kardiovaskulären Wirkungen von Kakaoflavanolen.
Die Wissenschaftler werteten 25 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 1.167 Teilnehmern aus.
Die Ergebnisse waren bemerkenswert.
Unter der Einnahme von Kakaoflavanolen sank der systolische Blutdruck durchschnittlich um 2,7 mmHg und der diastolische Blutdruck um 1,8 mmHg.
Darüber hinaus verbesserte sich die endothelabhängige Gefäßerweiterung, gemessen mittels flussvermittelter Dilatation (FMD), um durchschnittlich 1,31 Prozentpunkte.
Auch die Pulswellengeschwindigkeit, ein Maß für die Steifigkeit der Arterien, nahm geringfügig ab.
Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass Kakaoflavanole nicht nur den Blutdruck beeinflussen, sondern auch die Funktion unserer Blutgefäße günstig verändern können.
Allerdings waren die untersuchten Studien überwiegend klein und von begrenzter Dauer. Die Aussagekraft ist deshalb insbesondere hinsichtlich der langfristigen Gefäßwirkungen eingeschränkt. (PubMed)
Die große COSMOS-Studie: Kann Kakao Herzinfarkte verhindern?
Noch interessanter ist die Frage, ob die günstigen Wirkungen der Kakaoflavanole tatsächlich zu weniger Herzinfarkten, Schlaganfällen oder kardiovaskulären Todesfällen führen.
Mit dieser Frage beschäftigte sich die große amerikanische COSMOS-Studie.
An dieser randomisierten, placebokontrollierten Untersuchung nahmen 21.442 ältere Erwachsene teil.
Über einen Zeitraum von durchschnittlich 3,6 Jahren erhielten die Studienteilnehmer entweder täglich einen Kakaoextrakt mit 500 mg Flavanolen oder ein Placebo.
In der ursprünglichen Auswertung aus dem Jahr 2022 zeigte sich eine relative Verringerung der gesamten kardiovaskulären Ereignisse um etwa 10 %.
Dieser Unterschied war statistisch allerdings nicht signifikant.
Bemerkenswert war jedoch, dass die kardiovaskuläre Sterblichkeit in der Flavanolgruppe um 27 % niedriger lag. Dieses Ergebnis betraf einen sekundären Studienendpunkt und muss daher zurückhaltend interpretiert werden. (PubMed Central (PMC))
Neue Auswertung aus dem Jahr 2026
Im März 2026 wurde eine weitere Analyse der COSMOS-Daten veröffentlicht.
Die Wissenschaftler verwendeten ein statistisches Verfahren, bei dem schwerwiegendere kardiovaskuläre Ereignisse, insbesondere Todesfälle, stärker berücksichtigt wurden.
Mit dieser Methode ergab sich ein statistisch signifikanter Vorteil zugunsten der Kakaoflavanole.
Das ist ein interessanter Hinweis darauf, dass die ursprüngliche Auswertung möglicherweise einen Teil des gesundheitlichen Nutzens nicht ausreichend erfasst hat.
Allerdings handelt es sich um eine nachträgliche Analyse derselben Studiendaten und nicht um eine neue klinische Untersuchung.
Ein eindeutiger Nachweis, dass Kakaoflavanole Herzinfarkte oder Schlaganfälle verhindern, steht deshalb weiterhin aus. (PubMed)
Welche Schokolade ist besonders gesund?
Nicht jede Schokolade enthält die gleiche Menge an gesundheitsfördernden Kakaoflavanolen.
Dunkle Schokolade weist im Allgemeinen einen höheren Anteil an Kakaobestandteilen auf als Milchschokolade.
Besonders interessant sind daher Schokoladensorten mit einem Kakaogehalt von mindestens 70 %, vorzugsweise 80–85 %.
Allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung.
Der angegebene Kakaogehalt lässt nicht automatisch auf die enthaltene Flavanolmenge schließen.
Bei der industriellen Verarbeitung, insbesondere durch das sogenannte Alkalisieren des Kakaos, können erhebliche Mengen dieser wertvollen Pflanzenstoffe verloren gehen.
Eine Schokolade mit 85 % Kakao muss deshalb nicht zwangsläufig mehr Flavanole enthalten als eine weniger dunkle Schokolade.
Auch naturbelassenes, nicht alkalisiertes Kakaopulver kann eine interessante Flavanolquelle sein. (Harvard Health)
Wie viel Schokolade ist gesund?
Bei aller Begeisterung für die positiven Eigenschaften des Kakaos darf man eines nicht vergessen: Schokolade ist ein sehr energiereiches Lebensmittel.
Sie enthält neben Kakao erhebliche Mengen Fett und, abhängig von der Sorte, auch Zucker.
100 g dunkle Schokolade liefern ungefähr 550–650 Kilokalorien.
Wer regelmäßig große Mengen Schokolade verzehrt, riskiert deshalb eine Gewichtszunahme, die mögliche positive kardiovaskuläre Wirkungen wieder aufheben kann.
Aus ernährungsmedizinischer Sicht erscheint eine kleine Portion von etwa 10–20 g dunkler Schokolade pro Tag als vernünftiges Maß.
Das entspricht ungefähr 60–120 Kilokalorien.
Diese Menge sollte möglichst andere Süßigkeiten ersetzen und nicht zusätzlich zur üblichen Ernährung aufgenommen werden.
Wichtig ist jedoch: Für eine solche Portion handelsüblicher Schokolade ist weder eine bestimmte Flavanoldosis noch eine vorbeugende Wirkung gegen Herzinfarkte nachgewiesen.
Die in der COSMOS-Studie untersuchten 500 mg Kakaoflavanole lassen sich nicht ohne Weiteres durch den Verzehr einiger Stückchen Schokolade erreichen.
Passt Schokolade zur mediterranen Ernährung?
Die mediterrane Ernährung gilt als eine der am besten untersuchten Ernährungsformen zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Sie zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Nüssen, Vollkornprodukten, Fisch und Olivenöl aus.
Auch kleine Mengen dunkler Schokolade lassen sich problemlos in dieses Ernährungskonzept integrieren.
Dabei sollte Schokolade allerdings als Genussmittel betrachtet werden und nicht als notwendiger Bestandteil einer herzgesunden Ernährung.
Wer gelegentlich ein Stück hochwertige dunkle Schokolade genießt, muss deshalb kein schlechtes Gewissen haben.
Mein Fazit als Kardiologe
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Kakao und Herzgesundheit sind durchaus vielversprechend.
Insbesondere die positiven Wirkungen der Kakaoflavanole auf die Endothelfunktion und den arteriellen Blutdruck sind durch kontrollierte Studien gut dokumentiert.
Die neue Metaanalyse von September 2026 bestätigt diese günstigen Effekte.
Auch die Ergebnisse der COSMOS-Studie lassen vermuten, dass Kakaoflavanole möglicherweise einen Beitrag zur kardiovaskulären Prävention leisten können.
Allerdings dürfen wir die Wirkungen eines standardisierten Kakaoextraktes nicht mit denen handelsüblicher Schokolade gleichsetzen.
Meine Empfehlung lautet deshalb: Wer gerne Schokolade isst, sollte vorzugsweise dunkle Schokolade mit mindestens 70 % Kakao wählen und sich auf kleine Portionen beschränken.
Noch wichtiger für unsere Herzgesundheit bleiben eine ausgewogene mediterrane Ernährung, regelmäßige körperliche Bewegung, ein normaler Blutdruck und die konsequente Behandlung erhöhter LDL-Cholesterinwerte.
Schokolade kann ein genussvoller Bestandteil einer herzgesunden Ernährung sein. Ein Ersatz für eine gesunde Lebensweise oder eine notwendige medizinische Behandlung ist sie nicht.
Wissenschaftliche Quellen
Sakuda M. et al. (2026): Impact of cocoa flavanols on blood pressure and vascular function: an updated systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Nutrition, Health & Aging. DOI: 10.1016/j.jnha.2026.100966.
Sesso H. D. et al. (2022): Effect of cocoa flavanol supplementation for the prevention of cardiovascular disease events: the COSMOS randomized clinical trial. American Journal of Clinical Nutrition. DOI: 10.1093/ajcn/nqac055.
Ogata S. et al. (2026): Cocoa flavanol supplementation and prevention of cardiovascular disease: a novel analysis of the COSMOS randomized trial using „win ratio“. European Journal of Epidemiology. DOI: 10.1007/s10654-026-01382-6.
EFSA (2012): Scientific Opinion on the substantiation of a health claim related to cocoa flavanols and maintenance of normal endothelium-dependent vasodilation. EFSA Journal. DOI: 10.2903/j.efsa.2012.2809.
jpo