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Kaffee und Vorhofflimmern – schützt moderater Kaffeekonsum sogar vor Rhythmusstörungen?

Patienten mit Vorhofflimmern wurde über viele Jahre häufig geraten, Kaffee und andere koffeinhaltige Getränke möglichst zu meiden. Die Vorstellung dahinter erscheint zunächst plausibel: Koffein wirkt stimulierend, kann den Puls beschleunigen und gelegentlich Herzklopfen verursachen. Daraus entstand die Annahme, Kaffee könne auch Vorhofflimmern auslösen.

Die wissenschaftlichen Daten zeichnen inzwischen jedoch ein anderes Bild.

Kaffee scheint Vorhofflimmern nicht zu fördern

Große Beobachtungsstudien zeigen übereinstimmend, dass ein üblicher moderater Kaffeekonsum nicht mit einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern verbunden ist. Teilweise findet sich sogar ein Zusammenhang zwischen regelmäßigem Kaffeekonsum und einem geringeren Auftreten von Vorhofflimmern.

Bereits die amerikanische Leitlinie zum Vorhofflimmern stellt deshalb fest, dass ein genereller Verzicht auf Koffein zur Verhinderung von Vorhofflimmer-Episoden keinen nachgewiesenen Nutzen besitzt. (American Heart Association Journals⁠)

Besonders interessant: die randomisierte DECAF-Studie

Noch überzeugender sind die Ergebnisse der inzwischen veröffentlichten DECAF-Studie. In dieser randomisierten Studie wurden 200 Patienten mit persistierendem Vorhofflimmern beziehungsweise Vorhofflattern und einer Vorgeschichte von Vorhofflimmern untersucht, bei denen eine elektrische Kardioversion vorgesehen war.

Nach erfolgreicher Kardioversion wurden die Patienten nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeordnet:

Gruppe 1: regelmäßiger Konsum von koffeinhaltigem Kaffee – im Mittel etwa eine Tasse täglich.

Gruppe 2: Verzicht auf Kaffee und andere koffeinhaltige Produkte.

Nach sechs Monaten war bei 47 % der Kaffeetrinker, aber bei 64 % der Patienten in der Abstinenzgruppe erneut Vorhofflimmern oder Vorhofflattern aufgetreten.

Das entsprach einer 39 % niedrigeren Hazard für ein Rezidiv in der Kaffeegruppe (Hazard Ratio 0,61; 95-%-Konfidenzintervall 0,42–0,89). (JAMA Network⁠)

Warum könnte Kaffee sogar günstig sein?

Kaffee besteht aus wesentlich mehr als nur Koffein. Er enthält zahlreiche biologisch aktive Substanzen, darunter Polyphenole und antioxidativ wirkende Verbindungen.

Auch für Koffein selbst wird ein interessanter Mechanismus diskutiert: In den bei normalem Kaffeekonsum erreichten Konzentrationen blockiert Koffein unter anderem Adenosin-A₁- und A₂A-Rezeptoren. Adenosin kann die atriale Refraktärzeit verkürzen und unter bestimmten Bedingungen Vorhofflimmern begünstigen. Eine Adenosinblockade könnte deshalb theoretisch sogar antiarrhythmische Eigenschaften besitzen. (JAMA Network⁠)

Daneben könnten weitere indirekte Effekte des Kaffeekonsums eine Rolle spielen. Welcher Mechanismus tatsächlich für die beobachteten Zusammenhänge verantwortlich ist, lässt sich bislang jedoch nicht sicher sagen.

Muss ein Patient mit Vorhofflimmern also auf Kaffee verzichten?

Nach der heutigen Datenlage lautet die Antwort für die meisten Patienten: Nein.

Ein moderater Kaffeekonsum ist bei Vorhofflimmern grundsätzlich vertretbar. Die DECAF-Studie liefert sogar erstmals randomisierte Hinweise darauf, dass bei gewohnten Kaffeetrinkern nach einer Kardioversion der weitere Konsum von etwa einer Tasse koffeinhaltigem Kaffee täglich mit weniger Rezidiven verbunden sein kann. (JAMA Network⁠)

Daraus sollte allerdings nicht der Umkehrschluss gezogen werden, dass Kaffee eine Therapie gegen Vorhofflimmern darstellt oder dass Nicht-Kaffeetrinker zur Vorbeugung mit dem Kaffeetrinken beginnen sollten. Die DECAF-Studie war mit 200 Teilnehmern relativ klein und untersuchte eine spezielle Patientengruppe.

Auch die individuelle Verträglichkeit bleibt wichtig. Wer reproduzierbar nach Kaffee Herzrasen, ausgeprägte Palpitationen oder andere Beschwerden bemerkt, kann seinen Konsum entsprechend reduzieren.

Fazit

Die alte pauschale Empfehlung „Vorhofflimmern = kein Kaffee“ ist wissenschaftlich kaum noch haltbar.

Moderater Kaffeekonsum erhöht nach der gegenwärtigen Datenlage das Risiko für Vorhofflimmern nicht. Beobachtungsstudien sprechen teilweise sogar für einen protektiven Zusammenhang, und mit der DECAF-Studie gibt es mittlerweile randomisierte Daten, nach denen bei gewohnten Kaffeetrinkern nach Kardioversion unter weiterem Kaffeekonsum weniger Rezidive auftraten als unter Koffeinverzicht.

Eine oder wenige Tassen Kaffee am Tag dürfen daher für die meisten Patienten mit Vorhofflimmern weiterhin zum Alltag gehören.

jpo