NOVA-Klassifizierung: Warum ultraverarbeitete Lebensmittel unserem Herzen nicht guttun

Nicht nur was wir essen, sondern auch wie stark unsere Lebensmittel verarbeitet sind, scheint für die Herzgesundheit eine wichtige Rolle zu spielen. Genau hier setzt die sogenannte NOVA-Klassifizierung an. Sie unterscheidet Lebensmittel nach dem Grad ihrer industriellen Verarbeitung.
Besonders im Fokus stehen die ultraverarbeiteten Lebensmittel – Ultra-Processed Foods (UPF). Ein hoher Konsum dieser Produkte wird inzwischen mit Übergewicht, Typ-2-Diabetes und insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht.
Die vier Gruppen der NOVA-Klassifizierung
Die NOVA-Klassifizierung unterscheidet Lebensmittel nicht primär nach Fett-, Zucker- oder Kaloriengehalt, sondern nach Art und Ausmaß ihrer Verarbeitung.
NOVA 1: unverarbeitete oder minimal verarbeitete Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Nüsse, Kartoffeln, Vollkorngetreide, Eier, Fisch oder Fleisch.
NOVA 2: verarbeitete Küchenzutaten wie Olivenöl, Butter, Salz oder Zucker.
NOVA 3: verarbeitete Lebensmittel wie Käse, Brot, Gemüsekonserven oder einfach zusammengesetzte Fischkonserven.
NOVA 4: ultraverarbeitete Lebensmittel – industriell formulierte Produkte, die häufig zahlreiche Zutaten, Zusatzstoffe, Aromen, Emulgatoren, Süßstoffe oder modifizierte Stärken enthalten. Typische Beispiele sind Softdrinks, viele Fertiggerichte, Süßwaren, Chips, industrielles Gebäck und zahlreiche Snacks.
Was bedeutet UPF für das Herz?
Besonders interessant ist eine große 2024 im British Medical Journal veröffentlichte Umbrella-Analyse. Sie fasste 45 Metaanalysen mit insgesamt fast 9,9 Millionen Menschenzusammen.
Menschen mit einer hohen Aufnahme ultraverarbeiteter Lebensmittel hatten gegenüber Menschen mit niedriger Aufnahme unter anderem:
- etwa 35 % mehr kardiovaskuläre Ereignisse
- etwa 50 % höhere kardiovaskuläre Sterblichkeit
- etwa 66 % höhere herzkrankheitsbezogene Sterblichkeit
- etwa 23 % häufiger Bluthochdruck
- etwa 40 % häufiger Typ-2-Diabetes
- etwa 55 % häufiger Adipositas
Auch die Gesamtsterblichkeit war bei hoher UPF-Aufnahme um etwa 21 % erhöht.
Diese Zahlen stammen überwiegend aus Beobachtungsstudien und dürfen daher nicht so interpretiert werden, als sei UPF für jeden einzelnen dieser Effekte unmittelbar ursächlich. Die Konsistenz der Zusammenhänge ist dennoch bemerkenswert.
Warum könnte UPF Herz und Gefäße schädigen?
Wahrscheinlich existiert nicht der eine schädliche Inhaltsstoff. Vielmehr kommen mehrere Mechanismen zusammen.
Ultraverarbeitete Lebensmittel enthalten häufig viel Salz, Zucker, rasch verfügbare Kohlenhydrate und ungünstige Fette. Gleichzeitig können Ballaststoffe und die natürliche Struktur eines Lebensmittels verloren gehen.
Hinzu kommt die hohe Energiedichte bei geringer Sättigung.
Dafür gibt es sogar experimentelle Hinweise: In einer kontrollierten Studie des amerikanischen National Institutes of Health erhielten die Teilnehmer abwechselnd eine ultraverarbeitete und eine unverarbeitete Ernährung. Die angebotenen Mahlzeiten waren hinsichtlich Kalorien, Makronährstoffen, Zucker, Natrium und Ballaststoffen weitgehend vergleichbar.
Trotzdem nahmen die Teilnehmer unter der ultraverarbeiteten Kost mehr Kalorien zu sich und an Gewicht zu.
Das spricht dafür, dass nicht ausschließlich die auf der Verpackung angegebenen Nährwerte entscheidend sind. Auch Struktur, Verarbeitung, Essgeschwindigkeit und Sättigung können eine Rolle spielen.
UPF und Arteriosklerose
Aus kardiologischer Sicht ergibt sich eine plausible Kette:
mehr UPF → höhere Energieaufnahme → Gewichtszunahme → Insulinresistenz und Diabetes → Hypertonie und metabolische Veränderungen → Arteriosklerose → Herzinfarkt und Schlaganfall.
Daneben werden weitere mögliche Mechanismen diskutiert, darunter Entzündungsprozesse, Veränderungen des Darmmikrobioms sowie Auswirkungen bestimmter Zusatzstoffe. Hier ist die wissenschaftliche Datenlage allerdings noch deutlich weniger eindeutig.
Und Vorhofflimmern?
Auch für Vorhofflimmern gibt es Hinweise auf Zusammenhänge zwischen einer ungünstigen, stark verarbeiteten Ernährung und einem erhöhten Risiko. Hier sollte man allerdings besonders vorsichtig mit einer direkten Kausalität sein.
Übergewicht, Hypertonie, Diabetes und Schlafapnoe sind etablierte Risikofaktoren für Vorhofflimmern – und genau diese Erkrankungen treten bei Menschen mit hohem UPF-Konsum häufiger auf.
Ein Teil eines möglichen Zusammenhangs könnte deshalb indirekt über diese klassischen kardiometabolischen Risikofaktoren vermittelt werden.
Nicht alles Verarbeitete ist ungesund
Die NOVA-Klassifizierung darf nicht missverstanden werden.
Verarbeitet bedeutet nicht automatisch ungesund.
Ein gutes Olivenöl ist verarbeitet. Käse ist verarbeitet. Tiefgefrorenes Gemüse ist verarbeitet. Eine Dose San-Marzano-Tomaten ist verarbeitet.
Umgekehrt kann ein wenig verarbeitetes Lebensmittel sehr viel Zucker, Salz oder gesättigte Fettsäuren enthalten.
Die NOVA-Klassifizierung ist deshalb eine sinnvolle Ergänzung zur klassischen Nährwertbetrachtung – aber kein Ersatz dafür.
Mediterrane Ernährung statt Industrieprodukt
Für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bleibt eine mediterran orientierte Ernährung eine sehr gute Grundlage:
viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse und Vollkornprodukte, Fisch und Meeresfrüchte sowie hochwertiges Olivenöl als zentrale Fettquelle.
Der entscheidende Unterschied zur typischen UPF-Ernährung liegt nicht darin, dass überhaupt nichts verarbeitet werden darf.
Es geht vielmehr darum, dass echte Lebensmittel die Grundlage der Ernährung bilden und industriell formulierte Fertigprodukte die Ausnahme bleiben.
Fazit aus kardiologischer Sicht
Die wissenschaftlichen Daten werden zunehmend deutlich: Ein hoher Konsum ultraverarbeiteter Lebensmittel ist mit einem höheren Risiko für Adipositas, Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kardiovaskulären Todverbunden.
Dabei ist noch nicht abschließend geklärt, welcher Anteil dieses Risikos tatsächlich durch die industrielle Verarbeitung selbst und welcher durch die damit typischerweise verbundene ungünstige Nährstoffzusammensetzung und Lebensweise verursacht wird.
Für den Alltag müssen wir daraus keine komplizierte Wissenschaft machen.
Je häufiger wir selbst aus Gemüse, Fisch, Hülsenfrüchten, Kartoffeln, Vollkornprodukten, Nüssen und gutem Olivenöl kochen, desto weniger Platz bleibt automatisch für Ultra-Processed Food.
Oder noch kürzer:
Weniger Industrie auf dem Teller – mehr echte Lebensmittel für das Herz.
Mit Unterstützung von KI erstellt.
jpo