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Albertuszentrum

Wenn die Blutdruckmessung selbst den Blutdruck erhöht

Kann eine 24-Stunden-Blutdruckmessung eine Hypertonie vortäuschen?

Die ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung (ABDM/ABPM) gilt als eine der wichtigsten Methoden zur Diagnose einer arteriellen Hypertonie. Sie ermöglicht die Beurteilung des Blutdrucks während des normalen Tagesablaufs und – besonders wichtig – während des Schlafes.

Doch die Methode hat einen interessanten Schwachpunkt:

Die Blutdruckmessung ist nicht vollkommen passiv. Sie kann den Blutdruck, den sie messen möchte, selbst beeinflussen.

Was passiert bei jeder Messung?

Bei einer konventionellen 24-Stunden-Messung pumpt sich die Manschette tagsüber meist alle 15–30 Minuten und nachts etwa alle 30–60 Minuten auf. Die aktuellen europäischen Empfehlungen sehen solche Messintervalle ausdrücklich vor. (Escardio⁠)

Dabei entsteht ein erheblicher Druck am Oberarm. Hinzu kommen Pumpengeräusch, Vibration und das Wissen des Patienten, dass gerade der Blutdruck gemessen wird.

Bei empfindlichen Patienten kann dies eine kurzfristige Alarm- oder Stressreaktionauslösen.

Der Blutdruck, der wenige Sekunden später registriert wird, ist dann möglicherweise nicht mehr exakt der Blutdruck, der unmittelbar vor Beginn der Messung bestanden hat.

Besonders problematisch: die Nacht

Im Schlaf sollte der Blutdruck normalerweise deutlich abfallen. Dieses sogenannte Dippinggehört zu unserem normalen zirkadianen Rhythmus.

Genau hier kann die Langzeitmessung jedoch störend wirken.

Das Aufpumpen der Manschette kann zu kurzen Aufwachreaktionen – sogenannten Arousals – führen. Bereits eine klassische Schlaflaborstudie konnte zeigen, dass ambulante Blutdruckmessgeräte solche Arousals hervorrufen und gleichzeitig den Blutdruck erhöhen können.

Der während der Messung registrierte systolische Blutdruck wurde dabei im Schlaf im Mittel um etwa 6–10 mmHg höhergemessen als der unmittelbar zugrunde liegende Blutdruck. (BMJ⁠)

Das ist klinisch durchaus relevant.

Aus einem normalen nächtlichen Blutdruckabfall könnte dadurch scheinbar ein Non-Dipping entstehen. Im ungünstigen Fall könnte sogar der Eindruck einer nächtlichen Hypertonie verstärkt werden.

Je häufiger gemessen wird, desto größer das Problem?

Auch die Häufigkeit der Messungen spielt möglicherweise eine Rolle.

In einer randomisierten Crossover-Studie wurde eine häufige Messung – dreimal pro Stunde am Tag und zweimal pro Stunde in der Nacht – mit lediglich einer Messung pro Stunde verglichen. Hintergrund war gerade die Frage, ob häufiges Aufpumpen der Manschette Beschwerden, Schlafstörungen und möglicherweise den Blutdruck selbst beeinflusst. (PubMed⁠)

Damit entsteht ein grundsätzliches diagnostisches Paradox:

Wir möchten den Blutdruck unter möglichst normalen Alltagsbedingungen messen – verändern diese Bedingungen aber durch die Messung selbst.

Auch am Anfang der Messung können die Werte höher sein

Ein weiterer Effekt ist bekannt: Wird das Langzeit-Blutdruckgerät in einer Arztpraxis oder Klinik angelegt und unmittelbar danach gestartet, können die ersten Werte noch durch die medizinische Umgebung beeinflusst sein.

Untersuchungen zeigen, dass dieser anfängliche „White-Coat“-Effekt während der ersten Stunden abklingen kann. Interessanterweise scheint dabei weniger das Gerät selbst als vielmehr die Umgebung beim Beginn der Messung verantwortlich zu sein. (PubMed⁠)

Kann dadurch tatsächlich eine falsche Hypertoniediagnose entstehen?

Grundsätzlich ja – insbesondere bei Grenzwerten muss dieser Effekt berücksichtigt werden.

Man sollte allerdings nicht den falschen Schluss ziehen, die 24-Stunden-Blutdruckmessung sei deshalb unzuverlässig. Im Gegenteil: Außerhalb der Praxis gemessene Blutdruckwerte besitzen einen hohen diagnostischen und prognostischen Stellenwert und werden von den europäischen Leitlinien ausdrücklich empfohlen. (PubMed Central (PMC)⁠)

Problematisch wird es vor allem dann, wenn einzelne grenzwertige Ergebnisse unkritisch interpretiert werden.

Beispielsweise sollte bei einem Patienten mit auffälligen Nachtwerten gefragt werden:

Hat der Patient während der Messung überhaupt normal geschlafen? Ist er bei jeder Manschetteninflation aufgewacht? War die Nacht ungewöhnlich unruhig? Sind einzelne extreme Messwerte vorhanden? Stimmen die Ergebnisse mit den häuslichen Selbstmessungen überein?

Ein Schlaf- und Aktivitätsprotokoll ist deshalb keineswegs nebensächlich, sondern kann für die Interpretation einer 24-Stunden-Messung sehr hilfreich sein. Auch die ESC empfiehlt, Aktivitäten und Schlafzeiten zu dokumentieren und die einzelnen Messwerte vor der Beurteilung der Mittelwerte auf Ausreißer oder Fehler zu überprüfen. (Daily Cardiology Academy⁠)

Die Konsequenz für die Praxis

Eine 24-Stunden-Blutdruckmessung sollte niemals ausschließlich anhand eines automatisch ausgedruckten Mittelwertes beurteilt werden.

Besonders bei grenzwertigen Befunden sollte das gesamte Blutdruckprofil betrachtet und mit Praxisblutdruck, häuslichen Selbstmessungen, Schlafqualität, Medikamenteneinnahme und dem individuellen kardiovaskulären Risiko abgeglichen werden.

Bei widersprüchlichen Befunden kann eine Wiederholung der 24-Stunden-Messung oder eine strukturierte häusliche Blutdruckmessung sinnvoller sein, als aufgrund einer einzigen grenzwertigen Langzeitmessung sofort die Diagnose einer Hypertonie zu stellen oder eine Therapie zu intensivieren.

Fazit

Die 24-Stunden-Blutdruckmessung ist ein hervorragendes diagnostisches Instrument – aber sie ist nicht vollkommen neutral.

Die Manschette kann durch Druck, Geräusch, Stress und insbesondere durch Schlafstörungen den Blutdruck selbst erhöhen.

Das betrifft vor allem die nächtlichen Werte und kann ein Non-Dipping oder eine nächtliche Hypertonie verstärken beziehungsweise in Grenzfällen möglicherweise vortäuschen.

Deshalb gilt auch bei der Langzeit-Blutdruckmessung:

Nicht nur die Zahlen behandeln – sondern die Umstände berücksichtigen, unter denen diese Zahlen entstanden sind.

Mit Hilfe von KI erstellt.

jpo