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Vorhofflimmern nach Hirnblutung – ist eine erneute Antikoagulation sinnvoll?

Neue Daten vom ESC-Kongress 2026: die ENRICH-AF-Studie

Patienten mit Vorhofflimmern haben ein erhöhtes Risiko für einen ischämischen Schlaganfall. Deshalb gehört die Behandlung mit gerinnungshemmenden Medikamenten – der sogenannten oralen Antikoagulation – zu den wichtigsten Maßnahmen zur Schlaganfallprävention.

Besonders schwierig wird die Entscheidung jedoch, wenn ein Patient bereits eine intrakranielle Blutung (ICH) erlitten hat. Einerseits erhöht das Vorhofflimmern weiterhin das Risiko eines ischämischen Schlaganfalls, andererseits kann die erneute Antikoagulation das Risiko einer weiteren, möglicherweise lebensbedrohlichen Hirnblutung erhöhen.

Genau mit diesem therapeutischen Dilemma beschäftigte sich die ENRICH-AF-Studie, deren Ergebnisse auf dem ESC-Kongress 2026 in München vorgestellt wurden.

Was wurde in ENRICH-AF untersucht?

ENRICH-AF war eine internationale, randomisierte Studie an 174 Zentren in 20 Ländern.

Insgesamt wurden 948 Patienten mit Vorhofflimmern und vorausgegangener intrakranieller Blutung eingeschlossen. Das Durchschnittsalter betrug 77 Jahre, 39 % der Teilnehmer waren Frauen.

Die Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeteilt:

Edoxaban-Gruppe:
Behandlung mit dem direkten oralen Antikoagulans Edoxaban, normalerweise 60 mg einmal täglich beziehungsweise bei entsprechender Indikation dosisreduziert 30 mg.

Kontrollgruppe:
Keine orale Antikoagulation. Je nach ärztlicher Entscheidung erhielten die Patienten entweder keine antithrombotische Therapie oder eine einfache Thrombozytenaggregationshemmung.

Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 28 Monate.

Das überraschende Ergebnis

Der primäre Endpunkt bestand aus Schlaganfällen – sowohl ischämischen als auch hämorrhagischen – und systemischen Embolien.

Dieser trat auf bei:

11,8 % unter Edoxaban
gegenüber
12,8 % ohne Antikoagulation.

Die Hazard Ratio betrug 0,88 (95-%-KI 0,61–1,26; p = 0,48).

Damit konnte Edoxaban den primären Endpunkt nicht signifikant reduzieren.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Antikoagulation wirkungslos war.

Weniger ischämische Ereignisse – aber mehr Blutungen

Unter Edoxaban traten signifikant weniger ischämische Schlaganfälle und Herzinfarkte auf.

Genau der gewünschte Effekt einer Antikoagulation war also durchaus vorhanden.

Dieser Vorteil wurde jedoch durch eine deutliche Zunahme von Blutungsereignissen aufgehoben. Unter Edoxaban kam es zu einem annähernd dreifach erhöhten Auftreten hämorrhagischer Schlaganfälle.

Auch schwere Blutungen nach den Kriterien der International Society on Thrombosis and Haemostasis (ISTH) waren deutlich häufiger:

Edoxaban: 11,6 %
keine Antikoagulation: 5,2 %

Das entspricht einer Hazard Ratio von 2,23 (95-%-KI 1,39–3,59; p < 0,001).

Die Antikoagulation reduzierte somit zwar thrombotisch-ischämische Ereignisse, dieser Vorteil wurde jedoch durch zusätzliche schwere Blutungen weitgehend zunichtegemacht.

Besonders wichtig: Nicht jede Hirnblutung ist gleich

Ein bemerkenswerter Aspekt der Studie war, dass das unabhängige Sicherheitskomitee bereits 2023 eingriff.

Aufgrund von Sicherheitsbedenken wurden anschließend keine weiteren Patienten mit einer vorausgegangenen lobären intraparenchymatösen Blutung oder einer konvexitären Subarachnoidalblutung aufgenommen.

Dies unterstreicht einen wichtigen Punkt für die Praxis:

Bei der Entscheidung über eine erneute Antikoagulation reicht die Information „frühere Hirnblutung“ alleine nicht aus.

Entscheidend sind unter anderem Art, Lokalisation und vermutete Ursache der vorausgegangenen Blutung. Insbesondere bei lobären Blutungen muss beispielsweise an eine zerebrale Amyloidangiopathie und damit an ein erhöhtes Rezidivblutungsrisiko gedacht werden.

Was bedeutet ENRICH-AF für die Praxis?

Die Studie beantwortet die Frage nicht mit einem einfachen „Antikoagulation ja“ oder „Antikoagulation nein“.

Sie zeigt vielmehr, dass eine routinemäßige erneute Antikoagulation mit Edoxaban bei unselektierten Patienten mit Vorhofflimmern nach intrakranieller Blutung nicht empfohlen werden kann.

Die Entscheidung muss individuell erfolgen.

Dabei müssen zwei Risiken gegeneinander abgewogen werden:

Wie hoch ist das Risiko eines ischämischen Schlaganfalls ohne Antikoagulation?

und

Wie hoch ist das individuelle Risiko einer erneuten intrakraniellen Blutung unter Antikoagulation?

Gerade die Charakterisierung der vorausgegangenen Hirnblutung und gegebenenfalls eine weiterführende neuroradiologische Diagnostik gewinnen dadurch an Bedeutung.

Gibt es Alternativen zur dauerhaften Antikoagulation?

Bei Patienten mit hohem embolischem Schlaganfallrisiko und gleichzeitig nicht akzeptablem Blutungsrisiko rückt eine weitere Möglichkeit in den Vordergrund: der interventionelle Verschluss des linken Vorhofohres (LAA-Okklusion).

Da der überwiegende Teil kardialer Thromben bei nicht-valvulärem Vorhofflimmern im linken Vorhofohr entsteht, kann dessen Verschluss bei ausgewählten Patienten eine Alternative zur langfristigen oralen Antikoagulation darstellen.

Welche Strategie nach einer Hirnblutung langfristig den besten Nettonutzen bietet, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt.

Fazit

Die ENRICH-AF-Studie liefert eine wichtige Botschaft:

Eine vorausgegangene intrakranielle Blutung verändert die Nutzen-Risiko-Abwägung der Antikoagulation bei Vorhofflimmern grundlegend.

Edoxaban reduzierte zwar ischämische Ereignisse, führte aber gleichzeitig zu deutlich mehr schweren Blutungen und hämorrhagischen Schlaganfällen. Insgesamt ergab sich deshalb kein signifikanter Vorteil beim primären Endpunkt.

Nach einer intrakraniellen Blutung sollte die Antikoagulation daher nicht schematisch wieder begonnen werden. Gefragt ist vielmehr eine individuelle Entscheidung unter Berücksichtigung des ischämischen Schlaganfallrisikos, der Art und Ursache der vorausgegangenen Hirnblutung und des individuellen Rezidivblutungsrisikos.

Für ausgewählte Hochrisikopatienten kann zudem der interventionelle Verschluss des linken Vorhofohres eine wichtige Alternative darstellen.

Weitere randomisierte Studien – darunter ASPIRE mit Apixaban versus Aspirin – sowie die geplante gemeinsame Auswertung der randomisierten Studien im Rahmen von COCROACH sollen helfen, diese schwierige Entscheidung künftig besser zu individualisieren.

Mit Unterstützung von KI erstellt.

jpo