REACT-Studie 2026: Atherosklerose beginnt früher als gedacht

Wie häufig findet man bei vermeintlich herzgesunden Menschen bereits Ablagerungen in den Arterien? Diese Frage beantwortet die neue REACT-Studie („Early Cure of Atherosclerosis“) eindrucksvoll.
Die vor einer Woche beim ESC-Kongress 2026 vorgestellte und gleichzeitig im New England Journal of Medicine veröffentlichte Untersuchung zeigt: Atherosklerose beginnt häufig Jahrzehnte bevor sie durch Herzinfarkt, Schlaganfall oder andere Gefäßerkrankungen klinisch auffällig wird.
Fast 17.000 vermeintlich gesunde Menschen untersucht
In die REACT-Studie wurden 16.808 Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 70 Jahren aus Dänemark und Spanien aufgenommen. Keiner der Teilnehmer hatte eine bekannte atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung.
Die Wissenschaftler suchten gezielt nach bislang unbemerkter Atherosklerose. Hierzu wurden
- die Halsschlagadern (Karotiden),
- die Beinschlagadern (Femoralarterien) und
- die Herzkranzgefäße (Koronararterien)
mittels 3-D-Gefäßultraschall beziehungsweise Koronar-CT untersucht.
Das zentrale Ergebnis: 57 % hatten bereits Atherosklerose
Obwohl keine bekannte atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung vorlag, ließ sich bei 57,1 % der untersuchten Personen bereits eine Atherosklerose nachweisen.
Besonders bemerkenswert ist, wie früh die Erkrankung beginnt.
Bereits bei den 18- bis 29-Jährigen fand man Atherosklerose bei
8,7 % der Männer und 6,7 % der Frauen.
Damit hat ungefähr jeder dreizehnte junge Erwachsene bereits nachweisbare arteriosklerotische Veränderungen.
Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Häufigkeit dann dramatisch an. Bei den 60- bis 70-Jährigen weisen etwa neun von zehn Menschen eine Atherosklerose auf.
Männer erkranken früher – Frauen holen später auf
Besonders interessant ist der unterschiedliche Verlauf bei Männern und Frauen.
Bei Männern steigt die Häufigkeit der Atherosklerose bereits in jüngeren Lebensjahren deutlich an.
Frauen sind zunächst vergleichsweise geschützt. In der Lebensmitte verändert sich die Kurve jedoch: Bei Frauen kommt es zu einem späteren, dafür besonders steilen Anstieg der Atheroskleroseprävalenz.
Dieser Anstieg fällt zeitlich ungefähr mit dem typischen Alter der Menopause zusammen.
Im höheren Lebensalter nähern sich die Häufigkeiten bei Männern und Frauen schließlich immer stärker an.
Nicht nur die Häufigkeit, auch die Plaquemenge nimmt massiv zu
REACT zeigt darüber hinaus, dass mit zunehmendem Alter nicht lediglich mehr Menschen betroffen sind.
Auch das Plaquevolumen nimmt exponentiell zu.
Bei jungen Erwachsenen findet man häufig nur kleine Veränderungen in einem einzelnen Gefäßgebiet – insbesondere in den peripheren Arterien.
Mit zunehmendem Alter werden dagegen immer häufiger mehrere Gefäßregionen gleichzeitig betroffen. Aus einer zunächst lokal begrenzten Erkrankung entwickelt sich somit zunehmend eine systemische Atherosklerose.
Interessanterweise war eine ausschließlich auf die Herzkranzgefäße beschränkte Atherosklerose relativ selten.
Was bedeutet das für unsere heutige Prävention?
Bislang entscheiden wir über eine medikamentöse Primärprävention überwiegend anhand von Risikofaktoren:
Alter, Geschlecht, LDL-Cholesterin, Blutdruck, Rauchen, Diabetes und andere Faktoren werden beispielsweise in Risikoscores zusammengeführt.
Damit beantworten wir im Wesentlichen die Frage:
„Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mensch in den nächsten Jahren eine Herz-Kreislauf-Erkrankung entwickelt?“
REACT eröffnet eine andere Perspektive. Moderne Bildgebung kann eine zweite Frage beantworten:
„Hat dieser Mensch bereits Atherosklerose?“
Das ist ein grundlegend anderer Ansatz.
Ein 45-jähriger Mensch kann aufgrund seines Alters rechnerisch noch ein relativ niedriges 10-Jahres-Risiko besitzen – gleichzeitig können seine Gefäße bereits deutliche atherosklerotische Veränderungen aufweisen.
Vom „Risk-based“ zum „Disease-based Prevention“?
Genau darin könnte langfristig die Bedeutung von REACT liegen.
Statt eine vorbeugende Behandlung ausschließlich von statistischen Risikowerten abhängig zu machen, könnte zukünftig bei ausgewählten Patienten der direkte Nachweis einer beginnenden Atherosklerose in die Therapieentscheidung einbezogen werden.
Ob eine solche bildgebungsgesteuerte Strategie tatsächlich besser ist als unsere bisherige risikobasierte Prävention, muss allerdings erst bewiesen werden.
Genau dies soll die nächste Phase des REACT-Projekts untersuchen.
Fazit
Die REACT-Studie macht deutlich:
Atherosklerose ist keine Erkrankung, die erst im höheren Lebensalter beginnt.
Erste Veränderungen lassen sich bereits bei einem relevanten Anteil der 18- bis 29-Jährigen nachweisen. Männer entwickeln Atherosklerose im Durchschnitt früher, während bei Frauen in der Lebensmitte ein besonders steiler Anstieg zu beobachten ist.
Im Alter zwischen 60 und 70 Jahren haben schließlich etwa 90 % der untersuchten Menschen nachweisbare atherosklerotische Veränderungen.
Die vielleicht wichtigste Botschaft lautet deshalb:
Der Herzinfarkt ist nicht der Beginn der koronaren Erkrankung. Er kann das klinische Endergebnis eines atherosklerotischen Prozesses sein, der Jahrzehnte zuvor begonnen hat.
Die Zukunft der kardiovaskulären Prävention könnte deshalb darin liegen, Atherosklerose wesentlich früher zu erkennen – und zu behandeln, bevor sie klinisch manifest wird.
Mit Unterstützung von KI erstellt.
jpo