Was ist eigentlich das Luer-System und was bedeutet Luer-Lock?
Ich bin seit Juni 1977 in der Medizin tätig. Wenn man auf diese Zeit zurückblickt, wird deutlich, wie stark sich selbst scheinbar einfache Dinge wie die Verbindung von Spritzen, Kanülen und Infusionssystemen verändert haben.
Welche Anschlusssysteme gab es 1977?
In Deutschland waren damals im Wesentlichen zwei Systeme anzutreffen: der Rekord-Konus und der Luer-Konus.
Der Rekord-Konus war das ältere, besonders in Deutschland und Teilen Europas verbreitete System. Er stammte noch aus der Zeit der wiederverwendbaren Glas-Metall-Spritzen und besaß andere Abmessungen als der Luer-Konus.
Das Luer-System war international bereits weit verbreitet. Dabei wird die Kanüle oder Infusionsleitung auf einen genormten konischen Anschluss gesteckt. Neben dieser einfachen Steckverbindung, heute als Luer-Slip bezeichnet, gab es bereits die verriegelbare Variante Luer-Lock, bei der eine zusätzliche Verschraubung ein unbeabsichtigtes Lösen verhindert.
Luer war 1977 keineswegs neu: Das Prinzip geht auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. In Deutschland bestanden Rekord und Luer jedoch noch längere Zeit nebeneinander – mit dem entscheidenden Nachteil, dass beide Systeme nicht miteinander kompatibel waren.
Einmalspritzen und Einmalkanülen waren 1977 bereits etabliert
Auch Einmalmaterial war 1977 nichts Neues. Die Umstellung hatte bereits in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren begonnen. Kunststoff-Infusionssysteme, Einmalspritzen und sterile Einmalkanülen waren in den 1970er-Jahren im klinischen Alltag weit verbreitet.
Wiederverwendbare Glasspritzen und Metallkanülen waren allerdings noch nicht überall vollständig verschwunden und konnten je nach Einrichtung und Anwendungsgebiet weiterhin vorkommen, so auch 1977 in meiner ersten Arbeitstelle dem Elisabeth-Krankenhaus in Mönchengladbach-Rheydt.
Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist die Braunüle®. B. Braun führte sie 1962 als periphere Venenverweilkanüle aus Kunststoff ein. Sie war damit bereits 15 Jahre vor meinem Einstieg in die Medizin verfügbar.
Der klinische Alltag 1977 war somit bereits wesentlich durch Kunststoff-Einmalspritzen, sterile Einmalkanülen, Einmal-Infusionsbestecke und Kunststoff-Venenverweilkanülen geprägt. Gleichzeitig konnte man insbesondere in Deutschland noch auf Rekord-Anschlüsse treffen.
Ramstein 1988 – als fehlende Kompatibilität zum Problem wurde
Beim Flugtagunglück von Ramstein am 28. August 1988 – ich war damals gerade ein Jahr Assistenzarzt – trafen deutsche Rettungskräfte und amerikanisches Militär-Sanitätspersonal aufeinander.
Dabei wurde ein grundsätzliches Problem unterschiedlicher medizinischer Standards besonders deutlich: Deutsches Material verwendete teilweise noch Rekord-Anschlüsse, während amerikanisches Material auf dem Luer-System basierte.
Da beide Systeme mechanisch nicht kompatibel waren, konnten beispielsweise Infusionsleitungen und bereits gelegte Zugänge unterschiedlicher Herkunft nicht ohne Weiteres miteinander verbunden werden. Gerade bei einer Großschadenslage mit zahlreichen Schwerverletzten konnte eine solche Inkompatibilität die Versorgung erheblich erschweren.
Ramstein wurde damit zu einem wichtigen Impuls, den Rekord-Konus in Deutschland endgültig zugunsten des international verbreiteten Luer-Standards aufzugeben. Es handelte sich allerdings nicht um eine unmittelbare Umstellung durch ein einzelnes Gesetz nach der Katastrophe. Vielmehr beschleunigte Ramstein eine Entwicklung, die bereits zuvor begonnen hatte.
Heute ist insbesondere Luer-Lock der etablierte Standard für zahlreiche medizinische Verbindungen. Die entsprechenden Luer-Verbindungen für intravaskuläre und hypodermische Anwendungen sind inzwischen international normiert, unter anderem in der DIN EN ISO 80369-7.
Fazit
Die Entwicklung lässt sich vereinfacht so zusammenfassen:
Rekord und Luer nebeneinander → zunehmende internationale Dominanz von Luer → weitgehende Ablösung des Rekord-Systems → Luer/Luer-Lock als internationaler Standard.
Ramstein zeigte 1988 auf dramatische Weise, dass zwei für sich genommen funktionierende medizinische Systeme im entscheidenden Moment zum Problem werden können, wenn sie nicht miteinander kompatibel sind. Die Katastrophe wurde deshalb zu einem wichtigen Symbol und Beschleuniger für die Vereinheitlichung medizinischer Anschlusssysteme.
jpo