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Albertuszentrum

Die klassische auskultatorische Blutdruckmessung – unser Favorit!

Die klassische auskultatorische Blutdruckmessung nach Riva-Rocci/Korotkoff mit Oberarmmanschette und Stethoskop ist keineswegs obsolet. Ihr Stellenwert hat sich aber verändert: Sie ist heute eher Referenz- und Problemlösungsmethode als die bevorzugte Methode für die routinemäßige Serienmessung.

Die aktuellen ESC-Leitlinien 2024 lassen für die Praxisblutdruckmessung ausdrücklich sowohl die auskultatorische als auch die oszillometrische Methode zu. Gleichzeitig geht die Entwicklung klar in Richtung validierter automatischer Oberarmgeräte, insbesondere weil standardisierte Mehrfachmessungen weniger untersucherabhängig und im Praxisalltag besser reproduzierbar sind. Für Diagnose und Therapieentscheidungen wird zudem zunehmend die Messung außerhalb der Praxis – 24-h-ABDM und häusliche Blutdruckmessung – bevorzugt.  

Wo die klassische Messung weiterhin besonders wertvoll ist

Ein wesentlicher Vorteil ist, dass der Untersucher den Messvorgang unmittelbar beurteilen kann. Man hört die Korotkoff-Töne und kann Unregelmäßigkeiten erkennen, während ein automatisches Gerät aus Manschettenoszillationen systolischen und diastolischen Druck algorithmisch berechnet.

Besonders relevant ist das bei Arrhythmien, vor allem bei Vorhofflimmern. Die ESC weist ausdrücklich darauf hin, dass oszillometrische Geräte häufig nicht speziell für Vorhofflimmern validiert sind und dass hier, soweit praktikabel, die manuelle auskultatorische Messung bevorzugt werden kann.  

Auch bei unplausiblen oder stark schwankenden automatischen Messwerten, ausgeprägter Brady- oder Tachykardie, häufigen Extrasystolen oder wenn automatisches Gerät und klinischer Eindruck nicht zusammenpassen, ist die manuelle Kontrollmessung ausgesprochen sinnvoll.

Aber auch Riva-Rocci ist nicht automatisch genauer

Das ist ein wichtiger Punkt. Eine technisch schlecht durchgeführte manuelle Messung kann erheblich falsch sein. Entscheidend sind unter anderem korrekte Manschettengröße, korrekte Manschettenposition an der Oberarminnenseite, Arm auf Herzhöhe, fünf Minuten Ruhe, unterstützter Rücken und Arm, keine Unterhaltung während der Messung und mehrere Messungen.

Die ESC empfiehlt bei manueller Messung drei Messungen im Abstand von 1–2 Minuten und als repräsentativen Wert den Mittelwert der letzten beiden Messungen. Eine zu kleine Manschette führt tendenziell zu zu hohen, eine zu große zu zu niedrigen Werten.  

Der entscheidende Wandel: Diagnose nicht mehr allein am Praxiswert

Hier liegt meines Erachtens die größte Veränderung gegenüber der klassischen Medizin. Ein perfekt nach Riva-Rocci gemessener Praxisblutdruck ist zwar ein hochwertiger Messwert – er beantwortet aber nicht unbedingt die Frage, welchen Blutdruck der Patient im Alltag tatsächlich hat.

Weißkittelhypertonie und maskierte Hypertonie lassen sich damit nicht zuverlässig erkennen. Deshalb bevorzugt die ESC zur Bestätigung einer Hypertonie Messungen außerhalb der Praxis. Bei der Heimmessung gelten beispielsweise durchschnittlich ≥135/85 mmHg als hypertensiver Bereich, entsprechend einem Praxisblutdruck von ≥140/90 mmHg.  

Für die heutige kardiologische Praxis würde ich die Methoden daher so einordnen:

MethodeHeutiger Stellenwert
Manuell Riva-Rocci/KorotkoffSehr wertvolle Referenz- und Kontrollmethode, besonders bei Arrhythmien oder zweifelhaften Automatenwerten
Validiertes automatisches OberarmgerätStandard für routinemäßige Praxis- und Serienmessungen
Häusliche BlutdruckmessungSehr wichtig ür Verlauf und Therapieüberwachung
24-h-ABDMBesonders hoher Stellenwert zur diagnostischen Absicherung und Beurteilung des Tages-/Nachtprofils
Smartwatch/cuffless devicesDerzeit kein Ersatz für validierte Manschettenmessungen; für klinische Therapieentscheidungen noch nicht empfohlen

Wir bevorzugen die klassische Riva-Rocci-Messung in unserer Praxis. Ein gutes Aneroidmanometer mit verschiedenen Manschettengrößen und Stethoskop gehört meines Erachtens weiterhin in jeden Untersuchungsraum. Für die Routine würde ich allerdings ein validiertes automatisches Oberarmgerät einsetzen und bei Vorhofflimmern, Extrasystolie, auffälligen Schwankungen oder nicht plausiblen Werten manuell nachmessen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang noch eine andere Frage: Wie groß können die systematischen Unterschiede zwischen einer korrekt durchgeführten manuellen Riva-Rocci-Messung, einer normalen automatischen Praxismessung und einer „unattended automated office BP“-Messung sein? Gerade bei den neuen ESC-Zielwerten von systolisch 120–129 mmHg kann dieser Unterschied klinisch durchaus relevant werden.  

jpo