Terminvergabe: 02161 5 670 670 Herzinsuffizienz-Hotline: 0175 3337310

Albertuszentrum

Fischölkapseln und Omega-3-Fettsäuren: Zwischen Mythos und wissenschaftlicher Realität

Jahrzehntelang als Herzschutz empfohlen – heute deutlich kritischer bewertet

Fischölkapseln mit Omega-3-Fettsäuren galten über viele Jahre als fester Bestandteil einer herzgesunden Lebensweise. Zahlreiche Patienten mit koronarer Herzkrankheit oder nach einem Herzinfarkt nahmen täglich Kapseln mit der Hoffnung ein, dadurch ihr Herz zu schützen und einen weiteren Infarkt zu verhindern.

Die moderne Forschung zeichnet heute jedoch ein wesentlich differenzierteres Bild. Während der regelmäßige Verzehr von fettem Seefisch weiterhin Bestandteil einer gesunden Ernährung ist, konnte für handelsübliche Fischölkapseln ein entsprechender Nutzen nicht nachgewiesen werden. Im Gegenteil: Mit steigender Dosierung mehren sich Hinweise auf relevante Nebenwirkungen – insbesondere ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern.

Was sind Omega-3-Fettsäuren?

Omega-3-Fettsäuren gehören zu den mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Die wichtigsten Vertreter sind:

  • EPA (Eicosapentaensäure)
  • DHA (Docosahexaensäure)
  • ALA (Alpha-Linolensäure aus pflanzlichen Quellen)

EPA und DHA kommen vor allem in fetten Seefischen wie Lachs, Hering, Makrele und Sardinen vor. Fischölkapseln enthalten diese Fettsäuren in konzentrierter Form.

Welche Wirkungen haben Omega-3-Fettsäuren?

Omega-3-Fettsäuren besitzen durchaus biologisch sinnvolle Eigenschaften.

Sie können

  • die Triglyzeridwerte senken,
  • entzündliche Prozesse beeinflussen,
  • die Fließeigenschaften des Blutes verändern,
  • Zellmembranen stabilisieren und
  • möglicherweise die Gefäßfunktion verbessern.

Diese Effekte führten über viele Jahre zu der Annahme, dass Fischölkapseln automatisch Herzinfarkte verhindern müssten.

Doch biologische Wirkungen bedeuten nicht zwangsläufig einen klinischen Nutzen.

Fischölkapseln zur Vorbeugung eines Herzinfarktes – was zeigen die Studien?

Frühere Beobachtungsstudien hatten gezeigt, dass Menschen mit hohem Fischkonsum seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln.

Daraus entstand die Vermutung, Fischölkapseln könnten denselben Effekt besitzen.

Die großen randomisierten Studien der letzten Jahre konnten diese Hoffnung jedoch weitgehend nicht bestätigen.

Mehrere hochwertige Untersuchungen fanden:

  • keine relevante Senkung der Gesamtsterblichkeit,
  • keine deutliche Verringerung von Herzinfarkten,
  • keine überzeugende Reduktion des Schlaganfallrisikos,
  • keinen gesicherten Vorteil gegenüber einer modernen Standardtherapie.

Dies gilt sowohl für die Primärprävention als auch für die meisten Patienten in der Sekundärprävention.

Warum sind Fischölkapseln heute keine Standardtherapie nach Herzinfarkt?

Patienten nach einem Herzinfarkt erhalten heute eine hochwirksame Kombination aus:

  • Statinen,
  • Thrombozytenhemmern,
  • Betablockern,
  • ACE-Hemmern oder AT1-Blockern,
  • gegebenenfalls SGLT2-Hemmern,
  • moderner Revaskularisation mittels Herzkatheter und Stent.

Diese Therapien senken das Risiko eines erneuten Herzinfarktes bereits erheblich.

Zusätzliche Fischölkapseln konnten in diesem modernen Behandlungskonzept keinen relevanten Zusatznutzen zeigen.

Aus diesem Grund empfehlen die aktuellen kardiologischen Leitlinien Fischölpräparate nicht mehr routinemäßig zur Sekundärprophylaxe nach Herzinfarkt.

Warum senken Fischölkapseln trotz günstiger Laborwerte das Herzinfarktrisiko nicht?

Dies erscheint zunächst widersprüchlich.

Zwar sinken unter Omega-3-Fettsäuren häufig die Triglyzeride.

Triglyzeride sind jedoch nur einer von vielen Risikofaktoren.

Für die Entstehung eines Herzinfarktes spielen unter anderem eine Rolle:

  • LDL-Cholesterin,
  • Entzündungsprozesse,
  • Plaquebildung,
  • Plaqueruptur,
  • Thrombusbildung,
  • Diabetes,
  • Bluthochdruck,
  • Rauchen.

Die Senkung eines einzelnen Laborwertes reicht deshalb häufig nicht aus, um Herzinfarkte tatsächlich zu verhindern.

Ein wichtiger Sonderfall: Hochdosiertes Icosapent-Ethyl

Immer wieder wird auf eine große Studie mit hochreinem EPA (Icosapent-Ethyl) verwiesen, in der eine Verringerung kardiovaskulärer Ereignisse beobachtet wurde.

Dabei handelt es sich jedoch nicht um gewöhnliche Fischölkapseln aus dem Handel.

Es wurde

  • ausschließlich hochreines EPA,
  • in hoher Dosierung (4 g täglich),
  • bei einer eng ausgewählten Hochrisikogruppe,
  • zusätzlich zu einer Statintherapie

eingesetzt.

Ob der beobachtete Nutzen ausschließlich auf EPA zurückzuführen war oder weitere Faktoren eine Rolle spielten, wird weiterhin wissenschaftlich diskutiert.

Die Ergebnisse lassen sich daher nicht auf frei verkäufliche Fischölpräparate übertragen.

Fischölkapseln erhöhen dosisabhängig das Risiko für Vorhofflimmern

Dies ist eine der wichtigsten neuen Erkenntnisse der letzten Jahre.

Mehrere große randomisierte Studien sowie Metaanalysen zeigen übereinstimmend:

Je höher die tägliche Omega-3-Dosis, desto häufiger tritt Vorhofflimmern auf.

Besonders betroffen sind Dosierungen von etwa 2 bis 4 Gramm EPA beziehungsweise EPA/DHA täglich.

Je nach Studie stieg das Risiko für neu auftretendes Vorhofflimmern um etwa 20 bis 50 %. Das absolute Risiko bleibt zwar moderat, ist aber klinisch relevant – insbesondere bei älteren Menschen sowie Patienten mit strukturellen Herzerkrankungen oder bereits bestehender Vorhofflimmer-Neigung.

Warum fördern Omega-3-Fettsäuren Vorhofflimmern?

Der genaue Mechanismus ist noch nicht vollständig geklärt.

Diskutiert werden mehrere Effekte:

  • Veränderungen der elektrischen Eigenschaften der Herzmuskelzellen,
  • Beeinflussung von Natrium-, Kalium- und Calciumkanälen,
  • Verkürzung der atrialen Refraktärzeit,
  • Veränderungen der Erregungsausbreitung im Vorhof,
  • Umbau der Zellmembranen durch hohen Einbau von EPA und DHA.

Diese Veränderungen können die Entstehung elektrischer Kreisbewegungen im Vorhof begünstigen – der wesentliche Mechanismus des Vorhofflimmerns.

Gibt es dennoch sinnvolle Einsatzgebiete?

Ja.

Omega-3-Präparate können unter ärztlicher Kontrolle sinnvoll sein bei:

  • ausgeprägter Hypertriglyzeridämie,
  • ausgewählten Hochrisikopatienten mit hochreinem verschreibungspflichtigem EPA,
  • seltenen Stoffwechselerkrankungen.

Für die allgemeine Herzvorsorge oder als Ersatz einer leitliniengerechten Therapie eignen sich Fischölkapseln dagegen nicht.

Was ist besser als Fischölkapseln?

Für die Herzgesundheit sind deutlich wirksamer:

  • Rauchstopp,
  • regelmäßige körperliche Aktivität,
  • mediterrane Ernährung,
  • normales Körpergewicht,
  • optimale Blutdruckeinstellung,
  • konsequente LDL-Cholesterinsenkung,
  • Behandlung eines Diabetes,
  • regelmäßiger Fischverzehr (ein- bis zweimal pro Woche) statt hochdosierter Nahrungsergänzung.

Fazit

Die Vorstellung, dass Fischölkapseln grundsätzlich das Herz schützen, gilt heute als überholt. Moderne klinische Studien zeigen keinen überzeugenden Nutzen handelsüblicher Omega-3-Präparate zur Vorbeugung eines erneuten Herzinfarkts, wenn Patienten bereits leitliniengerecht behandelt werden.

Gleichzeitig gibt es zunehmend belastbare Hinweise darauf, dass hoch dosierte Omega-3-Fettsäuren das Risiko für Vorhofflimmern dosisabhängig erhöhen. Aus diesem Grund sollten Fischölkapseln nicht unkritisch eingenommen werden. Für die meisten Herzpatienten bieten bewährte Maßnahmen wie Statine, Blutdruckkontrolle, Bewegung und eine mediterrane Ernährung einen deutlich besser belegten Schutz vor kardiovaskulären Ereignissen.

Mit Unterstützung von KI erstellt.

jpo